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  • Rita Bechler

Wenn einer Führungskraft die Bildung fehlt wird's ungemütlich.



Die Person die ich rekrutierte, sollte ca. 35 sein und etwa fünf Jahre Führungserfahrung haben. Ich jubilierte, als das Dossier des Mannes auf dem Desktop lag, der perfekt zum ausgeschriebenen Profil passte. Toller Werdegang, top Zeugnisse, fünf Jahre Führungserfahrung und noch dazu aus der Branche meines Mandanten. Als der Mann in mein Büro trat, frohlockte ich. Er war sympathisch und sah auch noch gut aus.


Das Interview nahm einen guten Verlauf. Jedoch irritierte mich zunehmend, dass der Mann etwas Patziges an sich hatte. Eine merkwürdige Haltung, die nicht mit seinem Werdegang in Einklang zu bringen war. Er wirkte zunehmend fad und roboterhaft. Ich wurde unsicher, mein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Unentwegt prüfte ich, wo im Gesprächsverlauf der wunde Punkt sein konnte. Nach einer geschlagenen Stunde hatte ich es: „Ist es möglich, dass Sie bildungsfern aufgewachsen sind?“, fragte ich. Die Antwort war ein klares, leicht trotziges „Ja.“

Der intelligente Mann stammte aus einem Milieu, wo beide Eltern bildungsfern waren, fast kein Deutsch sprachen. Für ein kluges Kind eine ahnungslose Isolation. Dieses belastbare Einzelkind hat sich dann, aber mit Intelligenz und grandioser Durchsetzungskraft, selbst erzogen; und später einen Fachhochschulabschluss gemacht, und eine intakte berufliche Entwicklung. Sein Karriere-Kompass war immer nach Norden gerichtet. Weder im Elternhaus noch in der Schule wurde über Bildung gesprochen. Was jemand nicht kennt, fehlt nicht.


Als der Mann erfuhr, dass das Team meines Mandanten gebildete Akademiker waren und er in diesem Umfeld als Führungskraft nicht geeignet sei, fiel der Groschen. Ohne meine Intervention wäre es für alle Beteiligten zu einer fatalen Fehlplatzierung gekommen.

In jeder Karriere kommt der Augenblick, in dem die Ansprüche an die Persönlichkeit und Bildung der Führungskräfte steigen. Die Luft wird dünner, sobald kultiviertes, gebildetes Verhalten gefragt ist. Bildungsferne Führungskräfte werden zum Problem, wenn nach der Beförderung statt der humanistischen Haltung Chaos und geistige Windstille herrschen. Übrigens: der Mann aus dem Inserat hat seine Lektion gelernt. Er ist jetzt auf dem Weg zum Bildungsbürger.


Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Oft coache ich junge Männer und Frauen, die nicht wissen, weshalb in ihrer Karriereleiter eine Sprosse fehlt.


von Rita Baechler-Barth

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