|
Unternehmer,
Topmanager und Chefbeamte entdecken die
christliche Spiritualität als bessere
Alternative zu Pillen, Protz und
Prahlerei. Umso mehr, als sich ethisch
korrektes Handeln langfristig
auszahlt.
Von Victor
Weber
Die Lage
schien hoffnungslos zu sein. Der
Mitgliederbestand war überaltert, das
Image verstaubt, das Engagement erlahmt.
Es sah danach aus, als hätte sich die
Vereinigung Christlicher Unternehmer (VCU)
überlebt. «Altbekannte Sattheit,
Trägheit und eingeschliffene
Gewohnheiten hatten die VCU Zentralschweiz
bis an den Rand des
Überflüssigseins gebracht»,
sagt die Unternehmerin Rita
Baechler-Barth, bis vor kurzem
Sektionspräsidentin. Den anderen
Sektionen gings nicht besser.
Doch nun
spüren die rund 550 Mitglieder das
Wehen eines frischen Geistes. Sie haben
sich einen Ruck gegeben, wollen sich
stärker in Wirtschaft und Politik
einbringen und haben sich ein
Revitalisierungsprogramm verschrieben. Die
Saat geht allmählich auf. 30
Führungskräfte sind in diesem
Jahr der VCU beigetreten, 100
Interessenten bewerben sich um eine
Aufnahme. Das Gros der frischen
Kräfte ist zwischen 35 und 45 Jahre
alt. Zu den Neumitgliedern gehören
Ricola-Unternehmer Felix Richterich, 46,
und Roland Gröbli, 44,
Generalsekretär der Georg Fischer AG.
Nun sorgt der neu gewählte
Zentralpräsident Silvio Ponti, 51,
dafür, dass der Erneuerungsprozess
weitergeht. Er ist beim Chemiekonzern Sika
stellvertretender Vorsitzender der
Konzernleitung. Mitglieder sind auch
Bazl-Chef Raymond Cron und Urs Buomberger,
einstiger Chefökonom der
UBS.
Die
gesamtgesellschaftliche Situation kommt
der VCU und den anderen Organisationen
für christliche
Führungskräfte zugute. Der
Zynismus der New Economy hat Wunden
hinterlassen, die geheilt sein wollen. Die
Wirtschaftsskandale und die Masslosigkeit
zahlreicher Manager haben bewusst gemacht,
dass Besinnung Not tut. Die Suche nach
Sinn zeichnet unsere Zeit eher aus als das
Streben nach schnellem Geld. Manager, die
sich am Matthäus-Evangelium
orientieren, werden weniger belächelt
als früher.
Symptomatisch
ist, dass sich auch Roche-Lenker Franz
Humer zum katholischen Glauben bekennt.
Über diese Kraftquelle war er froh,
als vor Jahren der Konzern in eine Krise
schlitterte und seine damalige Frau an
Brustkrebs starb. Er suchte mit ihr die
besten Spezialisten in den USA auf. Die
Erfahrung war bitter: «Man wird wie
eine Nummer behandelt.» Die Frage,
was ihm der Glaube konkret gibt,
beantwortet er aber nur ganz allgemein:
«Kraft und Zuversicht.» Ausser
der Kirche ist er keiner christlichen
Organisation angeschlossen: «Ich bin
in keiner politischen Partei und in keiner
religiösen Vereinigung - auch nicht
bei Opus Dei.»
«Glaube
und Business funktionieren
zusammen»
Rudolf
Hadorn, 41, der neue Chef des Berner
Technologiekonzerns Ascom, engagiert sich
mit seiner Familie in einer
protestantischen Freikirche: «Glaube
und Business funktionieren sehr gut
zusammen.»
Rudolf
Wehrli, als Chef von Gurit Heberlein
verantwortlich für 2700 Mitarbeiter,
ist vom gleichen Holz geschnitzt:
«Menschen haben das Bedürfnis,
ihren Glauben sowie praktisches und
politisches Handeln auf eine Linie zu
bringen.» Seine humanistische
Bildung, sagt der Theologe, helfe ihm bei
der Arbeit in der Wirtschaft.
Dass sich
Moral und Profit nicht ausschliessen,
postuliert auch Jesuitenpater Nicklaus
Brantschen: «Ethisch verantwortliches
Handeln darf und muss sich auch
auszahlen.» Er leitet das Institut
für spirituelle Bewusstseinsbildung
in Politik und Wirtschaft in Edlibach ZG.
Auf Dauer erleichtert Ethik den Erfolg,
und Erfolg macht es einem leichter,
korrekt zu handeln. Was aber, wenn sich
dieser Erfolg trotz allen redlichen
Bemühens nicht einstellt? Die
geistigen Bestände haben die Antwort:
Man darf nicht zu verbissen vorgehen,
sondern muss im Vertrauen auf Gott seine
Gelassenheit bewahren.
Nicht
selten sind die christlich orientierten
Wirtschaftsführer offen für
fernöstliche Meditationsformen und
Philosophien. So der ehemalige
Bon-appétit-Eigner Beat Curti, der
mit seiner Frau Regula in Erlenbach ZH den
Begegnungsort «Seeschau»
gegründet hat. Oder Urs Bühler,
Inhaber der Bühler-Gruppe Uzwil. Er
baut ein ganzheitliches
Tiergesundheitszentrum.
Givaudan-Chef
Jürg Witmer verbindet seine
christlich-humanistische Grundhaltung mit
dem Zen-Buddhismus. Das habe ihn
«Bescheidenheit und Demut»
gelehrt: «Man darf sich selber nicht
wichtig nehmen, niemand ist
unentbehrlich.» Bei ihm ist das kein
leeres Geschwätz: Er zieht sich mit
56 Jahren ins Präsidium zurück,
um die operative Leitung des florierenden
Konzerns in jüngere Hände zu
legen.
Das
Evangelium bewahrt den Unternehmer Michael
Pieper vor Ego-Problemen. Der
Eigentümer der Franke-Gruppe und
Grossaktionär von Forbo tritt
bescheiden wie der gesichtslose «Mann
von der Strasse» auf: «Lieber in
Jeans als im Smoking, lieber in einer
Quartierbeiz als im «Palace» St.
Moritz», charakterisiert ihn ein
Bekannter. Aus dem Geiste des Pietismus
geborene Bescheidenheit zeichnet die
meisten Mitglieder der milliardenschweren
Roche-Familien Oeri und Hoffmann aus. Sie
steigen lieber ins Tram als ins Taxi,
machen kein Aufhebens um sich - und
erregen kein Aufsehen. Das sichert ihnen
die Annehmlichkeiten eines normalen
Lebens. Dem Gebot, dass Kapital soziale
Verpflichtung bedeutet, leben sie mit
Selbstverständlichkeit
nach.
«Die
Managerwelt ist fragil und
artifiziell»
Manche
Unternehmer und Manager sind gar von einer
missionarischen Leidenschaft beseelt. Sie
engagieren sich vornehmlich bei der
Internationalen Vereinigung Christlicher
Geschäftsleute. So etwa die
Unternehmerin Elisabeth Schirmer von der
Baselbieter Ronda AG, der Herstellerin von
Quarzuhrwerken. Oder der junge Rolf Hiltl,
Inhaber des gleichnamigen vegetarischen
In-Restaurants in Zürich. Die
Vereinigung verspricht gerade auch
vereinsamten Topmanagern seelische
Rückenstärkung: Bibel statt
Burn-out, Orientierung statt Scheidung,
Gelassenheit inmitten von
Hektik.
Selbst die
Heilsarmee zieht Spitzenkräfte an.
Dieser Tage steht der hochrangige
Novartis-Manager Armand Cachelin als
Mitglied der Berner Gesangsbrigade
für die Suppenkollekte auf der
Strasse. Er weiss laut dem
«Bund», wie «fragil und
artifiziell die Managerwelt»
ist.
|