Zur Kunst und Verantwortung der Spezialisten für Kaderselektion

Alpha - Kadermarkt der Schweiz

Die Besetzung hoher Kaderstellen entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens. Fehlbesetzungen haben fatale finanzielle und seelische Folgen. Sie können ein Unternehmen gefährden und betroffene Kaderleute in Existenzkrisen stürzen.

Von Rita Baechler

In den wenigsten Fällen scheitern Führungskräfte an ihrer fachlichen Qualifikation. Das Defizit ist fast immer im Persönlichen zu suchen. Im Grunde sucht jeder Mensch, in dem, was er tut, die Anerkennung seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten. Herauszufinden, wo das Umfeld für Menschen mit hoher Verantwortungsbereitschaft stimmt, wo Persönlichkeiten sich ertragen und ergänzen, wo das, was jemand zu bieten hat, optimal zum Tragen kommt, ist erfolgsbestimmend. Das ist die Kunst und Verantwortung der Spezialisten für Kaderselektion. Dafür müssen sie geradestehen.

Die sich ergebenden Folgen, wenn ein Arbeitsumfeld nicht stimmig ist, zeigt unter anderem das Beispiel der Swissair. Die unsorgfältige Evaluation verschiedener Top-Manager und Verwaltungsräten während vieler Jahre bot Angriffsfläche für ein Missmanagement, welches die Airline inzwischen in den Ruin getrieben hat. Analysiert man das ganze Geschehen, findet man auf der ganzen Linie nur Verlierer und viel persönliche Tragik für die betroffenen Personen, Mitarbeitende und Aktionäre. Da muss bereits zu Beginn der Kaderauswahl einiges schief gelaufen sein.

Feeling für den Kunden

Die Selektion von Mitarbeitenden - besonders im obersten Kader - erfordert viel Intuition, Menschenkenntnis, Sorgfalt und Realitätssinn. Ein Unternehmen beauftragt einen Spezialisten mit der Suche nach einer hochqualifizierten Person für die Besetzung einer Schlüsselposition. Vor Beginn der Selektion verschafft sich der Berater detaillierte Kenntnisse über die Persönlichkeit des Kunden, sein Unternehmen, seine Märkte und das Profil der zu besetzenden Position. Doch damit ist es nicht getan. Der Berater muss sich die Welt des Auftraggebers regelrecht zu eigen machen, ein "Feeling" für das Unternehmen bekommen.

Dazu eignet sich nichts besser, als die ersten Gespräche im Büro des Kunden - nicht etwa im neutralen Sitzungszimmer - zu führen. So kommt man schneller ins Gespräch, rascher in die Tiefe der Bedürfnisse. So lassen sich Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Unsicherheiten besser erspüren, die Energie des Unternehmens erkennen. Je näher der Berater dem Kunden kommt, desto besser ist er in der Lage, sich das Profil des geeigneten Kandidaten zu vergegenwärtigen.

Dies ist wichtig für das Stelleninserat, das darüber entscheidet, ob sich geeignete Kandidaten angesprochen fühlen. Erfolgreiche Stelleninserate haben einen klaren Inhalt, eine Botschaft und eine Ausstrahlung. Nur wer seinen Kunden und dessen Bedürfnisse erfasst hat, dem gelingen gute und aussagekräftige Stelleninserate. Die Qualität der Bewerbungen ist ein erster Prüfstein für die bisherige Arbeit und bringt auch den Mythos, Top-Leute können nur durch Abwerbung gefunden werden, ins Wanken.

Feeling für den Kandidaten

In den anschliessenden Interviews mit Kandidaten gilt es dann, die für das Unternehmen am besten geeignete Person zu finden. Dazu braucht es Takt, Fairness, Objektivität, Intuition und Konzentration. Nicht gefragt sind Small Talk und Höflichkeitsfloskeln. Konkrete, klare, auch überraschende Fragen bringen Entscheidendes an den Tag: Wer hat Sie geprägt? Welchen Erfolgsnachweis haben Sie aus Ihrer letzten Position gezogen? Wie würden Sie leben und arbeiten, wenn Sie frei entscheiden könnten? Was geht anderen Menschen an Ihnen auf die Nerven? Was macht Ihr Partner, Ihre Partnerin beruflich?

Wer aufmerksam zuhört und hinschaut, erfasst Persönlichkeit, Ausstrahlung, Temperament, Intelligenz, Kombinationsvermögen und Tempo, Wünsche und Träume seines Gegenübers. Interessanterweise schenken Männer Frauen, welche Top-Kader selektionieren, schnell Vertrauen und sind sehr offen. Vielleicht bleibt ein anderer Mann stets der Konkurrent, den es zu übertrumpfen gilt.

Doppelte Verpflichtung

Bei der Evaluation muss unbestechlich, frei von falschem Respekt und mit einem scharfen Auge für die Realität eine Wahl getroffen werden. Der Berater ist sowohl gegenüber den Kunden wie auch den Bewerbern zu Loyalität verpflichtet und muss die optimale Übereinstimmung zwischen dem angestrebten Unternehmenserfolg und dem individuellen Karriereziel der Bewerber vermitteln. Er muss sich in verschiedene Personen hineinversetzen können, deren "Chemie" und Verträglichkeit heraus spüren, Hochstapelei genauso wie falsche Bescheidenheit erkennen und dazu noch den Überblick über die unterschiedlichen Berufsbiographien behalten.

Dazu bedarf es Eigenschaften und Verhaltensweisen, über die vor allem Frauen oft in hohem Masse verfügen:

Menschenkenntnis: Nur wer sich mit der eigenen Person auseinandersetzt und eigene Schwächen und Stärken kennt, kann ein Gegenüber in seiner ganzen Vielfalt erfassen und dessen Bedürfnissen gerecht werden. Studien in Psychoanalyse können diesen Horizont erweitern. Triebfeder ist Neugier und Lust auf andere Menschen, ja die Liebe zum Mitmenschen.

Sorgfalt: Der sorgfältige, respektvolle Umgang mit den Gefühlen und Wünschen der Kunden gehört zum A und O der Selektion von Top-Kadern. Aufmerksames Zuhören und präzise Analyse der Berufsbiographie von Bewerbern, unter Berücksichtigung ihrer Lebensgeschichte, ermöglichen eine sorgfältige Bestandsaufnahme.

Hingabe: Nur uneingeschränkter persönlicher Einsatz und vollkommene Hingabe an die Aufgabe führen zu nachhaltigem Erfolg. So sind Begegnungen wertvoller und ergiebiger als Telefongespräche. Auch der langjährigste Kunde wird immer wieder besucht, damit die Entwicklungen im Geschäftsumfeld beobachtet werden und Zeitströmungen erkannt werden können. Beharrlichkeit braucht es auch bei der Auswahl der Bewerbungen: Lieber ein Interview zu viel als eines zu wenig führen. Das Resultat soll schliesslich für das Unternehmen wie für die Bewerber zum gesetzten hohen Ziel führen.

Behutsamkeit: Die Selektion von Top-Kadern ist eine Gratwanderung; sie setzt Freude am Risiko, Vorsicht und eine gehörige Portion moralischer Bedenken voraus. Insbesondere beim Übernehmen neuer Mandate ist Fingerspitzengefühl angebracht. Ein Unternehmen für Top-Kader-Selektion sollte ehrlich prüfen, ob ein Mandat in die Geschäftsphilosophie passt und ob man dem künftigen Geschäftspartner mit vollem Vertrauen, ganzer Kraft und Know-how zur Verfügung stehen kann. Dies ist die Basis für eine fruchtbare und erfolgreiche Zusammenarbeit.

Weil Fehlbesetzungen fatale Folgen haben können, geniesst die Wahl des richtigen Partners hohe Priorität. Sie entscheidet darüber, ob das Besetzen von Schlüsselpositionen zum Erfolgserlebnis wird.

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